BURMA: VON MÄNNERRÖCKEN UND ALLWISSENDEN STERNEN

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Double trouble! Die beängstigend kluge Schwester (links) hat mich in Burma besucht. Zehn Tage hat sie mich durchs Land navigiert. Danke!

 

Zu Myanmar wusste ich vorher genau nichts. Das kommt davon, wenn man sich darauf verlässt, dass die beängstigend kluge Schwester, die mich auf diesem Weltreise-Abschnitt besucht hat, eh den Reiseführer liest. In meinem Hirn war nur vermerkt: Myanmar hieß früher mal Burma. Die hatten ein paar Probleme mit der Militärdiktatur, Politikerin Aung San Suu Kyi stand 15 Jahre unter Hausarrest. Und: „Wenn einem jemand in Myanmar nachläuft, dann nur, weil man etwas verloren hat. Die Burmesen gelten als hochgradig ehrliches Volk.“ Letzteres habe ich im Flugzeug aufgeschnappt, ein Brite las seiner ebenso uninformierten Ehefrau aus dem Guidebook vor.

„Ich finde es jetzt schon cool hier“, strahlte mich die beängstigend kluge Schwester am Flughafen in Rangun an. „Hast du gesehen? Die tragen wirklich ALLE einen Longyi, sogar die Businessmänner mit ihren weiß gestärkten Hemden und Aktenkoffern gehen im Rock“.

Ein Longyi – ausgesprochen: Long-schi – besteht aus einem wadenlangen und karierten Stoffschlauch, eine Art Wickelrock für Männer, dessen Enden auf Höhe des Bauchnabels verknotet werden. Während ich mich umsah, musste ich zugeben, die Schwester hatte nicht übertrieben. Jeder, vom Taxifahrer bis zum Anwalt, schien das traditionelle Beinkleid auszuführen. Sogar Teenager mit Heavy-Metal-T-Shirts waren berockt.
„Ob die alle nackt drunter sind, so wie die Schotten?,“ fragte ich, während wir durch die schwüle Nachthitze zum Hotel fuhren.
„Keine Ahnung,“ grinste die beängstigend kluge Schwester. „Aber das finden wir raus.“

 

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Baseballkappe, Karohemd, Umhängetasche – der Longyi, der burmesische Wickelrock, sitzt. Ein echtes Styling-Wunder.

 

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Das Teil sieht auch zu einem weiß gestärkten Hemd adrett aus. Sogar die Anwälte des Obersten Gerichtshof gehen im Rock und in Flip Flops.

 

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Und wo wir schon bei der Kleiderordnung sind: Für die Löcher in meinem Jeans erntete ich viele verwunderte Blicke. („Kann sich die Arme keine ordentliche Hose leisten?“).  In die Shwedagon-Pagode in Rangun wollte man meine durchblitzenden Knie gar nicht erst reinlassen. Die Damen am Ticketschalter hatten aber eine Lösung parat: Sie verkauften mir einen 100-Prozent-Polyester Wickelrock.

 

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Nicht meine Farben, aber alles wieder gut. Das Teil kommt zur Sicherheit nach Indien mit. Ich hab schließlich nur die Löcher-Jeans im Gepäck.

 

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Nochmal für die ganz Dummen: No Socks, no shoes (am besten man trägt Flip Flops, die zieht man an den Eingängen  am schnellsten aus), kein Minirock (oder ripped Jeans, die die Knie zeigen), kein Top mit Spaghettiträgern.

 

48 Stunden später hatten wir auf das Untendrunter-Longyi-Rätsel die Antwort: In Myanmar geht sowohl als auch.
„Schau mal unauffällig nach links“, flüsterte mir das Schwesterherz zu, als wir im Bummelzug durch Ranguns Vororte tuckerten, eingepfercht zwischen fliegenden Händlern und ihren Warenkörben. Ihr Blick deutete in Richtung eines speckigen Verkäufers, der sich am Hintern kratzte und dabei gedankenverloren seinen Logyi und seinen Allerwertesten lüftete. „Nackt!“, verkündete ich triumphierend. „Ich hab’s geahnt.“ Wenig stieg ein junger Typ zu, aus dessen Longyi lässig der Bund einer Boxershorts schaute. Der Marky Mark von Myanmar quasi. Ich sagte gar nichts mehr. Ich schaute nur.

Und wir haben viel geschaut in diesen zehn Tagen. Myanmar, das südostasiatische Land, das an Thailand, Laos, Bangladesh, Indien und China grenzt, ließ uns in vielen Momenten staunend wie kleine Kinder zurück. Jahrzehntelang hat eine Militärdiktatur die Bevölkerung vom Rest der Welt isoliert, erst 2010 wurde das Terrorregime endgültig entmachtet. Jetzt wachen die Städte und Dörfer aus ihrem unfreiwilligen Dornröschenschlaf auf, der Tourismus kommt dank eines schnellen 50-Dollar-Online-Visums in die Gänge (man muss nur die erste Nacht im Hotel für den Antrag vorgebucht haben, sonst nichts!) und bietet Reisenden einen Kulturschock, im positiven Sinn.
So finden sich überall, egal ob Stadt oder Land, auf den Gehsteigen Tontöpfe, die täglich mit frischem Wasser gefüllt werden, als Labstelle für durchreisende Mönche oder andere durstige Verkehrsteilnehmer. Wenn die Bauern ihre Felder mit Ochsenkarren beackern, fühlt man sich 150 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Wir haben Wäsche gesehen, die auf Bahngleisen zum Trocknen ausgelegt wurde. Gleich daneben standen Jugendliche, die Musikvideos auf ihren Smartphones schauten. Und am Bahnhof in Rangun sind wir glatt vorbeigelaufen, so verfallen sah er aus. Die Mauern waren bröckelig und von Pflanzen überwuchert, Schotter und Plastikmüll überall. 20 Schalter schien es früher mal gegeben zu haben, alle mit Wartegittern abgegrenzt, um die vielen Fahrgäste im Zaum zu halten. Heute sind noch drei Schalter in Betrieb, wir waren die einzigen Kunden.

 

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Auch in den großen Städten noch überall zu finden: Tontöpfe mit frischem Wasser für durchreisende Mönche oder andere durstige Verkehrsteilnehmer. Plastiktassen stehen auch bereit. Ich mag die Buddhisten.

 

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Jeder Burmese lebt einmal in seinem Leben als Mönch. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Manche Männer verstecken sich auch im Kloster, wenn’s beruflich oder privat Knatsch gibt – sie kehren erst dann nach Hause zurück, wenn sich die Lage beruhigt oder die Ehefrauen die Probleme ihrer Angetrauten gelöst haben. 🙂

 

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Meist muss man aber schon als Bub eine Zeit lang ins Kloster, kein Fernseher, kein Handy, Einheitskutte- und Haarschnitt, Mediation.  Das mit der spirituellen Erziehung nimmt man hier noch ernst. Ich find’s großartig.

 

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Mädchen, die ins Kloster gehen, tragen pinke Kutten. Buddhistische Nonnen stehen im Ansehen der Gesellschaft aber weit hinter den Mönchen.

 

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Der Bahnhof in Rangun. Hier startet die sogenannte Circle Line, die in einer zweieinhalb Stunden Schleife durch Ranguns Vororte tuckert. Ich dachte erst, es ist ein aufgelassener Schweinestall.

 

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Von den vielen Ticketschaltern sind noch drei in Betrieb. Die Beamten dort haben sich gefreut, dass mal wieder jemand vorbeischaut. Eine Fahrkarte haben sie aber uns aber nicht verkauft, die kriegt man direkt am Bahnsteig 🙂

 

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Die Gleise fungieren auch als Wäschetrockner.

 

„Oh Gott“, meinte die beängstigend kluge Schwester beim Anblick der trostlosen Bahnhofshalle. „Das passiert also, wenn hier etwas dem Staat gehört.“
„Schaut aus wie der Schweinestall unserer Oma“, sagte ich. Nicht, dass unsere Oma ein Messie gewesen wäre. Sie hatte wirklich einen Schweinestall, sie war Bäuerin.
Die Schwester holte ihre Kamera aus der Tasche.
Elina, eine in Myanmar lebende Finnin, hatte uns einen Tag vorher eingebläut, jede Menge Fotos zu machen. „Viele der schönen alten Kolonialgebäude wird es in ein paar Jahren nicht mehr geben. Die Regierung verfügt über kein Geld, ausländische Investoren haben leichtes Spiel und reißen alles nieder.“

 

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Rangun. Die Engländer, die Franzosen, die Japaner – sie haben alle irgendwann mal die Stadt für sich eingenommen, Zeugen davon sind die alten Kolonialgebäude.

 

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In drei, vier Jahren wird es einen Großteil der historischen Gebäude in Rangun nicht mehr geben. Die Regierung hat kein Geld, ausländische Investoren reißen vieles nieder.

 

„Vielleicht könnten die reichen Ausländer auch Kohle für ein paar Ampeln und Zebrastreifen springen lassen?“, merkte ich an. Egal in welcher größeren Stadt man sich in Myanmar befindet – es gibt es keine Fußgängerübergänge. Eine Straße zu überqueren gleicht einem Selbstmordkommando, nach der fünften Kreuzung wollte ich nicht mehr. „Versuchen die hier auf die grausame Art die Einwohnerzahl zu reduzieren oder warum gibt es keinen geregelten Verkehr?“, urgierte ich weiter.
„Bis vor ein paar Jahren hatten wir kaum Autos“, zuckte Elina mit den Schultern. „Die Leute fuhren mit Fahrrädern, Rikschas und Mopeds. Wir haben keine Zebrastreifen gebraucht.“

Auch in nächster Zeit sind keine Ampeln und Straßenmarkierungen geplant – die Regierung hat andere Probleme und ist knapp bei Kasse. Also klammerte ich mich vor jeder Kreuzung an die Schwester. Wenn schon sterben, dann gemeinsam. Beim Rest war ich weniger teamorientiert. Für diese Reise hatte ich beschlossen: Die beängstigend kluge Schwester ist fürs Navigieren, Feilschen, Geldwechseln, das Finden von Restaurants und auch sonst alles Unangenehme zuständig. Ich hingegen nahm mir die Freiheit heraus, mein Hirn komplett auszuschalten und ihr blind zu folgen. Eine Wohltat nach acht Monaten Weltreise.

Von jeglicher Reise-Organisation befreit konnte ich Burma also recht entspannt entdecken. Wobei: Ganz checke ich noch immer nicht, wie das Land tickt. Aber seit Tokio rede ich mir schön, dass man eine Destination nicht verstehen muss, es geht mehr darum, viele Details aufzunehmen und sich dann seine eigene Wahrheit zusammenreimen (wobei ich schwer dafür plädiere, dass jeder, der diese Zeilen liest, jetzt und sofort einen Flug nach Myanmar bucht, so spannend und schön ist das Land). Hier jedenfalls meine Top 3 Momente in Burma:

DANCING IN THE RAIN
Wenn es in Rangun regnet, dann so richtig. Da kann’s schon passieren, dass man plötzlich knietief im Wasser steht und eine tote, aufgeblähte Ratte aus dem Kanal geschwemmt wird. Die beängstigend kluge Schwester hat zwar versucht, mir bei Sichtung einer toten Straßenratte vorsorglich die Augen zuzuhalten, weil sie weiß, wie sehr mir vor den Viechern graust, aber immer hat’s eben nicht geklappt.

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Regen in Rangun. Die Frisur sitzt längst nicht mehr, aber dafür gibt’s schließlich Kapuzen.

 

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Manchmal hilft nur warten. Oder durch den Sumpf waten.

 

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„Sieh’s positiv, durch den Regen wird wenigstens der Betelnuss-Schlatz und die ganze Spucke von den Straßen weggewaschen“, meinte die Schwester pragmatisch. „So ein Wolkenbruch reinigt die Stadt.“
Diese Erkenntnis hat mich nur bedingt beruhigt, zumal ich eine Stunde vorher einen Buben seelenruhig auf der Straße sein Geschäft verrichten gesehen habe. Der Kleine hatte Dünnpfiff.

Aber irgendwann lernt man, nicht mehr darüber nachzudenken, in wie vielen Milliarden an Bakterien man watet. Und man lernt auch, die Dinge von einer anderen Seite und das Schöne am Monsun zu sehen.
„Schau dir den Kleinen an“, sagte meine Schwester, als wir bei strömenden Regen Unterschlupf im Eingang eines Shoppingzentrums suchten. Vor uns hatte sich ein kleiner Junge, vielleicht drei, vier Jahre alt, komplett seiner Kleidung entledigt, um juchzend vor Glück in einer großen Wasserlacke herumzuspringen. 15 Minuten tanzte und plantschte er beseelt mitten in der Stadt im warmen Sommerregen, während Autos und Passanten an ihm vorbeizogen. Seine Schwester, der er seine Hose und sein T-Shirt umgehängt hatte, wartete währenddessen unterdessen mit einem Regenschirm auf ihn.
„Glaubst du, dass den seine Eltern heute abend noch baden?“, fragte ich die Schwester.
„Ich glaube, das ist sein Bad“, lachte sie. Und der Bub lachte zurück.

 

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Die Stadt wird durch den warmen Sommerregen zum Freibad. Die Schwester des Buben (rechts im Bild) wartet jedenfalls geduldig mit einem Regenschirm und seinen Klamotten, bis er fertig geplantscht hat.

 

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DIE SACHE MIT DEM GOLD
Auch wenn Myanmar keine Kohle hat und viele Menschen nur 2,50 Euro am Tag verdienen (soviel beträgt der gesetzlich festgelegte Mindestlohn für einen 8 Stunden Tag, viele Einwohner bekommen nicht einmal das) – für Blattgold scheint man immer irgendwo Geld zusammenkratzen zu können. Tempel kommen komplett gülden daher. Buddha-Statuen werden mit hauchdünnen Goldblättchen, die zwischen 30 Cent und 50 Euro Cent kosten, zur Ehrerbietung beklebt. Im Mahamuni Tempel südwestlich der burmanischen Stadt Mandalay ist der Haupt- Buddha sogar schon so zugeklebt, dass er fast doppelt so dick ist wie seine Ausgangsform. Hände und Körper sind durch die tausende Schichten an Blattgold quasi deformiert und es werden täglich mehr.

 

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Gold! Überall Gold! (Die Shwedagon-Pagode in Rangun kann nachts am besten funkeln).

 

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Diesen Buddha im Mahamuni-Tempel in Mandalay dürfen nur Männer mit Blattgold bekleben. Sie tun das so eifrig, dass der Arme über die Jahre ganz schön zugenommen hat, teilweise sieht er durch die vielen Gold-Schichten regelrecht deformiert aus.

 

„Können wir auch was drauf picken?“, habe ich Pho Se, unseren jungen, burmanischen Guide gefragt. Pho Se ist 25, hat ein freundliches, kreisrundes Gesicht und immer wenn er spricht, leuchten seine Augen in kindlicher Begeisterung.
„Nein. Nur Männer dürfen ganz nah zu diesem Buddha“, erklärte er uns euphorisch. Pho Se hat sich immer wie gefreut, wenn er uns etwas erklären konnte.
„Warum keine Frauen?“, hat die Schwester nachgehakt und ich konnte sehen, wie sich ihre Miene verfinsterte. Frauenrechte und Politik sind der Schwester wichtig, mir ebenso, aber ich bin prinzipiell phlegmatischer, ich diskutiere nicht so leidenschaftlich darüber wie sie.
„Weil in unserer Kultur – wie in vielen anderen Kulturen – Frauen weniger Wert sind als Männer,“ strahlte Pho Se.
Ich konnte sehen, wie die Schwester schlucken musste. 
„Bitte lass sie jetzt nichts sagen, bitte kein Eklat,“ schickte ich ein Stoßgebet zum dicken, deformierten Buddha. Und siehe da: Die Schwester schwieg, während Pho Se freundlich anbot, mit unserer Kamera in den Männer-Abschnitt zu gehen, um eine Nahaufnahme vom deformierten Buddha zu machen (siehe oben).
„Danke, dass du nichts gesagt hast“, sagte ich zurück im Auto zu ihr.
„Hilft ja eh nix“, grummelte sie. „Das ist in dieser Kultur noch so verankert. Zumindest redet er gut von seiner Freundin.“
„Und von den Kühen!“, merkte ich an.
„Stimmt“, lachte die Schwester. Sie war fasziniert davon, wie Pho Se ihr den Buddhismus im Alltag erklärt hatte.
„Warum findet man hier in den Gerichten kein Rindfleisch?“, hatte sie während der Fahrt gefragt.
„Die Kuh ist sehr wichtig für uns“, antworte Pho Se fast ehrfürchtig. „Sie hilft uns beim Pflügen des Ackers, sie ist unser Freund“, führte er weiter aus und seine großen Augen leuchteten.
„Ich mag den“, sage die Schwester.
„Ich auch.“

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Tourguide Pho Se – ich mag den. Er uns auch.

Pho Se schien es mit uns ähnlich zu gehen. Am Ende des Tages kaufte er uns auf seine Kosten einen Sack frischer Palmfrüchte und jeweils eine Betelnuss zum Kauen. Ich dachte erst, dass sei nur eine Nuss, die man in den Mund steckt und solange kaut, bis Zähne und Zunge blutrot sind. Aber Pho Se erklärte uns: Die Sache ist wesentlich elaborierter. Für den Wachmacher made in Burma werden ein, zwei Stückchen der zerhackten Nuss auf ein Blatt aus Betelpfeffer gegeben. Dieses wird mit flüssigem, gelöschtem Kalk bestrichen. Letzterer ist wichtig, weil er dabei hilft, das in der Betelnuss enthaltenen Alkaloid Arecolin in euphorisierend wirkendes Arecaidin umzuwandeln. Arecaidin wirkt obendrein aufputschend. In Pho Ses Lieblingsmischung kommt auch noch Kokosnuss rein. Andere Varianten sind mit Zimt, Karadamon, Anissamen oder Fenchel. Jedenfalls: Das vollgepackte Blatt wird zu einem Päckchen geformt, in den Mund gesteckt und dort so lange gekaut, bis die Zähne blutrot sind. Betelnuss wirkt speichelfördernd, in Myanmar wird dauernd gespuckt, die Gehwege sind blutrot gesprenkelt.

 

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Überall Betelnuss-Spuren auf den Straßen.

 

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So wird der burmesische Wachmacher gemacht, der stärker als Nikotin einfährt: Man nehme Betelnuss-Stückchen, lege sie auf ein Blatt Bettelpfeffer und bestreiche alles mit flüssigem, gelöschtem Kalk. Als Appetitzügler fungiert der Mix auch, die Sache mit den roten Zähnen muss man halt mögen …

 

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Bäh! Ich hab zu früh ausgespuckt.

 

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Die kleine Schwester war härter im Nehmen.

 

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Ein schönes Schild. Bringt aber genau gar nix.

 

Geschenke schlägt man nicht ab. Also hab ich das Blatt-Paket in den Mund gesteckt – und musste sofort würgen. Es schmeckt mentholartig, so als würde einem der Inhalt einer halbe Tube Zahnpasta in den Mund gedrückt. Stundenlang entspannt darauf herum zu kauen – für mich kam’s nicht in Frage. Ich bin den Brei relativ schnell wieder los geworden. Viel zu früh, wie Pho Se bemerkte, denn das Blatt war noch grün. Die Schwester war geduldiger, bei ihr war das Blatt bald zerkaut und der Speichel rot.

„Ich find’s gar nicht so schlecht“, sagte sie, als sie – wie eine Einheimische – auf die Straße spuckte.
„Ich brauch’s gar nicht“, meinte ich zu Pho Se. „Aber ich mag die Palmfrüchte, die du uns vorhin gekauft hast. Die werde ich heute abend im Hotel weiter essen.“
Pho Se lachte – und seine Zähne blinkten mich blutrot an.

 

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Unser Tourguides Pho Se. Er hat uns Palmfrüchte und Betelnüsse spendiert.

 

BITTE RECHT ABERGLÄUBISCH
Im Hotel ist mir eine Tageszeitung in die Hände gefallen. Myanmar Times, eine Publikation auf Englisch. Zwei Geschichten faszinierten mich: Die vom birmesischen Transgender-Mann, der sich kürzlich in Thailand zur Frau umoperieren ließ und ein Internet-Star ist. Und dann war da noch das Horoskop.
„Das ist ja alles total negativ“, sagte ich zur beängstigend klugen Schwester.
„Vielleicht haben nur Löwen eine schlechte Phase“, meinte sie.
„Aber ich habe sämtliche Sternzeichen durchgeschaut. Überall steht was von schwerwiegenden Problemen. Ich sag’s dir: Ich suche hier definitiv keinen Astrologen auf, fertig machen kann ich mich selber auch.“
Dabei hatte ich eigentlich eingeplant, einem Sterndeuter einen Besuch abzustatten. Denn Myanmar ist eine Hochburg für Himmelszeichen, das Land gilt als hochgradig abergläubisch. Sogar während der Militärdiktatur ging nichts ohne die Chef-Astrologen. Und wenn heute in Myanmar ein Kind geboren wird, dann bestimmt nicht der kreative Schub der frisch gebackenen Eltern den Vornamen, sondern der Tag der Geburt. Jedem Wochentag sind spezielle Buchstaben zugeschrieben. Montagskinder etwa sollten mit „K“ beginnen, die Vornamen von Sonntagskindern lauten oft „Aung“, weil A einer jener Anfangsbuchstaben ist, der für Sonntagskinder „ideal“ ist. Sich vorher zu überlegen, wie das Kleine gerufen werden soll, bringt nichts. Man muss warten, an welchem Tag das Baby schlüpfen will.
„Pho Se ist übrigens nicht mein richtiger Name“, warf unser Tourguide, auf das Prozedere angesprochen, ein und stiftete damit zusätzlich Verwirrung. „Ich wurde bei der Geburt getreu dem Wochentag benannt, aber wir nennen uns alle in Burma im Laufe des Lebens um, Spitznamen sind Gang und Gebe, ich mag meinen, jeder nennt mich mittlerweile Pho Se.“
Dann teilte er mit fast verschwörerischer Miene mit: Der Wochentag der Geburt sei auch für die Partnersuche nicht unerheblich.
„Wann bist du geboren?“, fragte Pho Se in meine Richtung.
„Ich glaube, an einem Donnerstag?“
„Glauben ist nicht wissen“, zückte er sein Smartphone und öffnete eine spezielle Kalender-App.
„Also, dein Geburtstag?“
Ich nannte ihm Tag, Monat sowie Jahr und keine 3 Sekunden später verkündete Pho Se triumphierend: „Ich hab’s! Du bist an einem Samstag geboren!“
„Was heißt das jetzt?“, fragte ich.
„Dass wir in den Südwesten des Tempels müssen, da steht immer die Buddha-Statue für Samstags-Geborene, genannt Paang Naga-Prok. Diesem Buddha schüttest du jetzt drei bis fünf Mal Wasser über den Kopf. Das bringt Glück.“

 

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Drei- bis fünfmal kriegt der Samstags-Buddha, mein Geburtstagsbuddha, Wasser über den Kopf geschüttet. Hilft’s nix so schadet’s nix.

„Ah ja. Gibt’s sonst etwas, worauf ich als Samtags-Geborene achten muss?“
„Du harmonierst am besten mit Donnerstag-Geborenen.“
„Das heißt, ich brauch jetzt einen Mann, der am Donnerstag zur Welt gekommen ist?“
„Das wäre ideal“, strahlte Pho Se.
„Das ist aber ein sehr enges Feld, findest du nicht? Es ist doch so schon schwierig genug, einen halbwegs brauchbaren Typen zu finden.“
„Auch Mittwoch-Geborene sind zur Not gut,“ hatte Pho Se schließlich Erbarmen und erweiterte mein buddhistisch abgesegnetes Jagdrevier.
Insofern: Mittwoch-und Donnerstag-Geborene, her mit euch. Bewerbungen werden ab sofort gerne entgegen genommen. Und wenn keine Anwärter kommen, seh ich jetzt schon die erste Frage beim nächsten Date. Oh my!

 

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Wo krieg ich jetzt einen Donnerstags-Mann her?