IM KLOSTER IN CHIANG MAI: „DEIN HIRN IST EIN AFFE“

 

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Erleuchtung, bitte! Und kann jemand den Affen aus meinem Hirn entfernen?

 

Es mag ein wenig übertrieben wirken, aber nach meinem Laos-Desaster habe ich in ein Kloster eingecheckt. Zwei Tage Schweigen und Meditieren im Dschungel vor Chiang Mai schien mir genau das Richtige. Es gibt auch Meditationsprogramme, die zehn Tage dauern, für alle, die die Sache richtig ernst meinen. Ich wollte hingegen erstmal nur schnuppern – bei den coolsten Mönchen von Chiang Mai. Das ist nicht einfach so dahingesagt, die buddhistische Gemeinschaft von Wat Suan Don ist wirklich cool. Sie hat neben dem Crashkurs für Erleuchtungssuchende auch ein Programm namens Monkchat. Dabei stellen sich Mönche jeden Abend zwischen 17 Uhr und 19 Uhr gratis zum Plaudern zur Verfügung. Als Tourist kann man unangemeldet hin spazieren und die Ordensbrüder mit Fragen zum Leben und zur Liebe löchern. Die Mönche verbessern so ihr Englisch, die Besucher kriegen Denkfutter für ihr sonnenverbranntes Urlaubshirn. Eine Win-Win-Situation.

Jedenfalls: Hätte meine Oma mich gesehen, wie ich da im Tempelgarten wandelte, sie hätte die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gemeint: „Um Gottes Willen, jetzt ist das Kind auch noch bei einer Sekte!“ Im Meditationszentrum von Wat Suan Dok gilt eine strikte Kleiderordnung: Als Schüler hat man komplett Weiß zu tragen. Weiße Leinenhose, weißes Shirt, alles züchtig, ohne Ausschnitt und nur ja nicht transparent. Das mit dem nicht-durchsichtig hat einen Britin nicht ganz so ernst genommen. Immer wenn wir zum Chanten vor der Buddha Statue niederknieten und uns tief verbeugten, hatte ich die Umrisse ihres schwarzen Stringtangas vor Augen. Aber in Summe machten wir schon was her, 20 Menschen in blütenweißer Kluft, barfuß und stillschweigend in sich gekehrt. „Versucht so wenig wie möglich zu sprechen“, hatte unserer Lehrer-Mönch zu Beginn des Kurses gebeten. Während die Stringtanga-Britin skeptisch das Gesicht verzog, seufzte der Einsiedlerkrebs in mir zufrieden auf. Ich wollte Silentium, jetzt bekam ich Silentium. Halleluja. Oder Ooohm, wie man wahrscheinlich besser sagt.

 

Monkchat

So sieht das aus, wenn die Mönche von monkchat.net zum Meditieren einladen. 2 Tage kosten 500 thailändische Baht (umgerechnet rund 10 Euro, also nix), inklusive Seminar, einem Bett in einem Zweier-Zimmer und Essen. Keine Sorge, ist keine Sekte. Die weiße Kleidung soll nur helfen, mit reinem Herzen und ablenkungsfrei ein bisschen in sich selbst hineinzuschauen.

 

Nun ist es ja so: Beim Meditieren geht es darum, sich von allem zu lösen. Von bösen Gedanken. Von guten Gedanken. Vom Denken überhaupt. So wie der Körper Ruhepausen braucht, sollte auch das Hirn mal leer laufen können, ohne konfuse Träume. „Glücksgefühle gehen vorbei, Wut geht vorbei, man muss die aufkeimenden Emotionen als das erkennen, was sie sind, flüchtige Momente, und dann gilt es, sie loszulassen,“ hat der Lehrer-Mönch zu Beginn mit sonorer Stimme gepredigt. „Das Leben ist Veränderung, nichts ist von Dauer. Wer sich an nichts klammert, der hat nichts zu verlieren. Das bringt eine wunderbare Leichtigkeit.“

In diesem Moment dachte ich nur: „Fuck, das war’s, ich geh wohl mal besser.“ Denn während der Mönch auf der Bedeutung des Nichts-Wollen herumritt, hämmerte in meinem Kopf nur: Ich will, ich will, ich will.

Im konkreten Fall wollte ich seinen zufriedenen, völlig losgelösten und entspannten Gesichtsausdruck. Der war nicht flüchtig, der war echt. 35 Jahre sei er alt und seit 20 Jahren lebe er im Kloster, hatte der Mönch in der Vorstellungsrunde erzählt. Ausgesehen hat er wie maximal 25, und da habe ich den „die-Asiaten-altern-halt-gut-Bonus“ schon mit eingerechnet. Mehr noch: Alle Geistesbrüder in Wat Suan Dok sahen jünger aus. Keine Zornesfalten, keine strengen Linien um die Mundwinkel, jede Gesichtspartie weich, entspannt und fast gütig. Meditation schien eine Art Wunder-Botox zu sein. Ich war angefixt. Und gleichzeitig dämmerte mir: Das mit dem wundersamen Botox wird nichts. Denn es zu wollen ist schon zu viel.

So saß ich also im Lotussitz, die Augen geschlossen, die Mundpartie zu einem nimmersatten, schmalen Schlitz verkniffen. Ich wollte Kekse. Ich wollte den indigoblauen Strand-Kaftan, den ich in einer Boutique in Chiang Mai gesehen hatte. Ich wollte das buddhistische Botox, zumindest ein bisschen was davon gegen die Krähenfüße. Ich wollte ein Wiedersehen mit dem tollen Mann, denn ich in Brasilien kennengelernt hatte, und wahrscheinlich wollte ich sogar eine Zukunft mit ihm. „Löst euch von euren Gedanken“, instruierte uns der Mönch mit sanfter Stimme. „Lasst sie vorbeiziehen, haltet nicht an ihnen fest. Ihr seid mehr als eurer Geist. Ignoriert ihn. Ignoriert Ärger. Ignoriert Wut.“ Einatmen, ausatmen. Der blauen Beach-Kaftan und der Mann aus Rio tanzten verführerisch durch meine Gehirnwindungen.

Ich will, ich will, ich will.

Irgendwann tat mir das Steißbein weh, unruhig wetzte ich auf meinem Meditationskissen hin und her. Wieviel Zeit wohl vergangen war? Ich öffnete die Augen und riskierte einen schnellen Blick auf die Uhr über der Tür. „Erst fünf Minuten?!“ Augen wieder zu. Einatmen. Ausatmen. Das Steißbein ignorieren. Dem Vogelgezwitscher draußen keine Beachtung schenken. Nach zehn Minuten war mein Geist durch die vielen Ignorier-Versuche geschafft. Ich fühlte mich, als hätte ich stundenlang einen Boxkampf geführt. Und das Frustrierende war: Ich hatte gegen mich selbst gekämpft, einen Gegner den ich eigentlich kennen sollte. Trotzdem hatte ich haushoch verloren.

Der Mönch fand das alles nicht weiter schlimm. „Wichtig ist nur, dass ihr euch selbst vergebt, wenn das Meditieren nicht klappt. Vergebung ist die Basis von allem“. Als er vom Verzeihen sprach kam mir unweigerlich mein betrügerischer Ex in den Sinn. „Dem verzeihe ich erstmal gar nichts“, vertraute ich mit grimmiger Miene auf die ausgleichende Macht des Karmas. „Und mir selbst verzeihe ich nicht, dass ich mich überhaupt mit ihm eingelassen habe.“ Als könne der Mönch meine Gedanken lesen, verlautbarte er: „Wenn das mit dem Verzeihen nicht sofort klappt, versucht zumindest zu vergessen. Forgive, forget and let go.“ Schon besser.

Viermal versammelte uns der Lehrer-Mönch an diesem Tag noch zu Meditationsübungen. Zehn Minuten, 15 Minuten, 25 Minuten, eine Dreiviertelstunde. Er erklärte uns, wie man im Stehen und sogar im Zeitlupentempo gehend meditieren kann. „Wer innere Ruhe sucht, sollte in jeder Körperhaltung zu sich finden können.“ Vom Meditieren im Liegen hingegen riet er ab. Zumindest vorläufig. Das sei nichts für blutige Anfänger, wir würden die Pose zu leicht mit Schlaf assoziieren und einschlafen.

 

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„Standing, standing, standing, preparing to turn. Left foot move down, right foot move down.“ Und so weiter und so fort. Gar nicht mal so schlecht, das Meditieren im Gehen.

 

Meditation heißt Geduld zu haben. Mit sich selbst. Mit anderen. Mit der eigenen Gier. Vor dem Essen ließ uns der Mönch über die vorgesetzte Nahrung reflektieren. Wir sollten uns beim Universum für vollen Reisschüsseln bedanken und uns bewusst machen, wieviel oder wie wenig der Körper wirklich braucht. Er erzählte uns, dass er als Mönch sich nicht erlauben kann, ein Lieblingsgericht zu haben. „Wir Mönche in Thailand ziehen jeden Tag bei Sonnenaufgang mit unseren Näpfen von Haus zu Haus und sind auf Almosen der Bevölkerung angewiesen. Landet Reis in meiner Schüssel? Sind es Nudeln? Ist es vielleicht gar nichts? Ich weiß es nicht. Also muss ich Nahrung erwartungsfrei sehen und als das, was sie ist: Treibstoff für den Körper. Würde ich Schokolade lieben, wäre ich ständig enttäuscht, weil es nun Mal nicht in meiner Hand liegt, ob es Schokolade gibt oder nicht.“

Gut, das mit mir und einer Karriere als Mönch bzw. Nonne konnte ich also ausschließen. Schokolade ist mein Lebenselixier, in meiner Kindheit war es Trost, heute ist es Vergnügen. Natürlich könnte ich ohne es leben, aber ich will nicht, ich will Gelüste haben und sie ausleben dürfen, buddhistisches Wunder-Botox als Anreiz hin oder her. Als wir am nächsten Morgen kurz sprechen durften und der Mönch eine Frage-Antwort-Runde einläutete, legte ich die Karten auf den Tisch. Ich gab zu, dass ich das Gefühl hatte, gar nicht erst zum Meditieren zu kommen, weil ich damit beschäftigt war, meine aufkeimenden Gedanken nieder zu wresteln. „Ich denke ständig: Ups, ich darf nichts denken. Und dann merke ich: Mist, jetzt habe ich ja doch wieder gedacht.“

Der Mönch lächelte wissend. Dann meinte er: „Dein Hirn ist ein Affe.

Na wunderbar. Ein Pavian? Ein Gorilla? Ein sexbesessener Bonobo vielleicht, in Anbetracht dessen, wie oft ich an den Mann in Brasilien dachte? Und überhaupt: Ich mag keine Affen. Sie sind mir unheimlich. Klar, die Tiere sind smart, bis auf Gorillas benutzen sie ihr Hirn aber selten für gute Dinge, immer nur für Schabernack. In Tansania habe ich beobachten können, wie Paviane rotzfrech Safari-Touristen beklauten. Und ein Mitreisender hat mir erzählt, ein Affe hätte von einer Baumkrone aus punktgenau auf ihn gepinkelt und seine Kamera eingesaut.

 

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Wenn man vom Affen spricht … Der hier hat gerade Ketchup von meinem Tisch geklaut. Ich sag’s ja, ich mag die Viecher nicht, schon gar nicht, wenn sie in meinem Hirn rumturnen.

 

„Und was mache ich jetzt mit dem Tier?“, fragte ich.

„Du musst deinen Affen jeden Tag trainieren. Affen sind schlau, aber auch ein bisschen verrückt. Sie springen wie deine Gedanken wild herum. Wenn du deinem inneren Affen aber jeden Tag zeigst, was er machen soll, wird er es irgendwann auch tun. Du brauchst nur genügend Disziplin.“

„Ich muss also auch Samstag und Sonntag meditieren? Kein Wochenende? Keine Pause?“

„Keine Pause“, lächelte der Mönch.

Und als ich bei der nächsten Sitzung wieder vor Ablauf der vereinbarten Zeit die Augen öffnete, um auf die Uhr zu schielen, sah ich den Lehrer-Mönch vor uns im Lotussitz. Ich hatte angenommen, er würde nicht jede Mediation mitmachen, sondern hin und wieder aus dem Raum gehen oder uns beobachten. Aber der Mönch saß selig lächelnd mit geschlossenen Augen am Podest, sein Atem ruhig und regelmäßig, seine Körperhaltung aufrecht und entspannt. Er schien eins mit sich und der Welt, in die er gerade abgetaucht war.

„Ich will das, was du hast“, sagte ich zum Abschied zu ihm. „Ich weiß schon, ich darf nichts wollen, aber ich will wirklich versuchen, ein bisschen was von dem, was du uns gezeigt hast, in meine Welt mitzunehmen.“

„Dann vergib deinem Affen – und vergib dir selbst.“

Keiner hat gesagt, der Weg zur Erleuchtung sei leicht. Ich geh jetzt wieder zurück an den Strand. Affen domptieren.

 

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Nach Chiang Mai bin ich an den Strand von Koh Lanta im Süden des Landes gefahren. Und da übe ich das jetzt, mit dem Meditieren.

 

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