VARANASI: ICH SEHE TOTE MENSCHEN 

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Varanasi, die spirituell wichtigste Stadt der Hindus. Wenn man nett sein will, könnte man sagen: Sieht ein bisschen wie das Venedig von Indien aus.

 

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Sogar die Mistkübel sind heilig hier. 🙂 Der Abfall und die Plastikflaschen landen trotzdem meistens im Ganges, göttlicher Fluß hin oder her.

 

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Wer in Varanasi in den Ganges springt wird von seinen Sünden reingewaschen, heißt es. Ich verzichte, obwohl’s durchaus ein paar Verfehlungen zu beheben gäbe. Die Verseuchung des Wassers mit E.coli-Bakterien und Müll ist mir dann doch zu arg.

 

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Den Kühen scheint die Drecksbrühe nichts auszumachen. Kunststück, die sind ja heilig. Am anderen Ufer (da wo es sandig ist), werden übrigens die Wasserleichen angespült und von wilden Hunden verspeist.

 

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Die Einheimischen schätzen den Ganges ebenfalls, sie nützen ihn vor allem als lokale Badewanne.

 

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Und als Waschmaschine und Trockner fungiert das Flussufer auch.

 

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Erst dachte ich, es sei nur Staub. „Die könnten hier auch mal wieder wischen“, meinte ich zu Christiane, als wir auf dem Balkon unserer Unterkunft standen. „Schau dir das an“, klopfte ich den Plastiksessel ab, auf dem ich gerade Platz nehmen wollte. „Alles komplett grau! Und da, die Tischplatte! Die hat seit Monaten keinen Putzfetzen gesehen.“ Ich bin kein Clean-Freak, wirklich nicht. Ich besitze kein Desinfektionsgel für die Hände und auf dieser Weltreise habe ich schon in Bettstätten schlafen müssen, die auch ein Liter Sagrotan nicht keimfrei gekriegt hätte. Andere Länder, andere Sauberkeits-Sitten. Aber diese Staubmengen hier, die waren dann doch enorm. „Die Inder!“, seufzte ich entnervt, während ich meine Hände an meinen Hosenbeinen sauber wischte. „Ich fürchte, das mit dem Putzen lernen die nicht mehr.“ Dann ließ dann langsam den Blick über den gelb-trüben Ganges und Varanasis Altstadt mit ihre engen, schmutzigen Gassen schweifen. Es dauerte drei Minuten, vielleicht waren es sogar vier. Schließlich sickerte es auch bei mir.

„Oh mein Gott!“, hörte ich mich leise sagen. „Das ist gar kein Staub. Das ist Asche von toten Menschen.“

Christiane verschluckte sich in diesem Momen an ihrer Cola und sah mich entgeistert an. Ich habe noch nie so schnell die Farbe aus ihrem Gesicht weichen sehen. Wir musterten stillschweigend das verstaubte Balkongeländer. Die staubigen Sessel. Den Fliesenboden, der mit einem grauen Schleier überzogen war. Es gab nichts weiter zu sagen. Wir wussten beide, dass es stimmt. „100 Meter von hier soll das größte burning ghat, das Viertel mit den meisten Scheiterhaufen, liegen“, sagte ich. „Und ich habe mich schon gewundert, warum meine Haare vorhin im Spiegel so grau ausgeschaut haben. Ich trage wahrscheinlich einen ganzen indischen Großvater im Haar“. – „Nur einen?“, zog Christiane ihre Augenbrauen hoch und begann, aus dem Reiseführer vorzulesen. „Die verbrennen hier 200 Leichen pro Tag. Da schwirrt eine ganze Armee toter Menschen durch die Luft.“ Ich begann zu frösteln. In Varanasi hatte es brütende 40 Grad.

 

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Dort, wo die Rauchschwaden aufsteigen, liegt das burning ghat, das Viertel, in dem die meisten Toten kremiert werden. Fotografieren ist aus Respekt vor den Angehörigen verboten. Aschewolken ziehen durch die ganze Stadt.

 

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In der ganzen Stadt stapelt sich das Holz für die Begräbnisse. 300 Kilo werden benötigt, um einen Körper vollständig zu verbrennen. Nach 3 Stunden sind nur mehr Asche, Goldzähne und ein paar verkohlte Knochenreste da.

 

Auf den Asche-Schock machten wir erstmal die Balkontür zu. Ich hatte mir vorher viele Gedanken zu der Stadt gemacht, ich wollte ja unbedingt hierher. Aber das mit dem Staub, der kein Staub war, und sich in jede Pore der Haut legte, hatte ich nicht bedacht. Plötzlich sahen wir überall tote Menschen. Als Flankerl im Trinkglas. Als Fleck im Handtuch. Sogar die Eierspeise im Hotelrestaurant wirkte irgendwie grau. „Die Hühner picken wahrscheinlich immer was von der Asche auf“, sinnierte ich. „Das mit Staub zu Staub ist hier nicht nur so dahingesagt. Wir kriegen den Kreislauf des Lebens hier hautnah serviert.“

Varanasi hat ihren Beinamen „Die heilige Todesstadt“ nicht von ungefähr: Jährlich pilgern tausende Menschen zum Sterben an die 1,2 Millionen-Metropole am Ganges, die als eine der ältesten und spirituell wichtigsten Städte Indiens gilt. Dazu muss man wissen: Der Ganges ist den Hindus heilig. Sie nennen den Fluß ehrfürchtig „Mutter Ganga“, nach jener indischen Göttin, die Leben schenkt, und attestieren ihm eine unendliche Reinigungskraft. Wer sich im gelobten Gewässer wäscht oder noch besser dreimal darin untertaucht, wird von seinen Sünden rein gewaschen und erlöst. Mutter Ganga stellt außerdem eine Abkürzung ins Nirvana dar: Landen die sterblichen Überreste in ihren Flußarmen, hilft das wiedergeburtstechnisch im nächsten Leben. Aus diesem Umstand sind die Hospize in Varanasi heillos überfüllt. 14 Tage darf man in den recht spartanischen Häusern bleiben. Wer dann noch nicht gestorben ist, muss gehen (oder einen Hotel-Besitzer bestechen, ihm ein Zimmer die letzten Tage zu vermieten. Tote Gäste sind nicht gut fürs Herbergsgeschäft).

„Glaubst du, dass hier drin auch schon jemand abgekratzt ist?“, fragte ich Christiane, während wir in der Mittagshitze auf dem Hotelbett lagen, und auf den Deckenventilator starrten. „Da bin ich mir sogar sicher“ meinte sie lapidar. „Die Inder machen doch aus allem ein Geschäft.“

Am späten Nachmittag wagten wir uns schließlich raus in die uringetränkten und mit Kuhfladen gepflasterten Gassen (in Varanasi machen notdürftige Männer und Kühe immer und überall hin). Eine Ruderboot-Fahrt am Ganges sollte uns Death City besser erklären. „Sieht ja eh ganz hübsch aus“, frohlockte ich, als wir die alten Stadtpaläste, Tempel und bunten Boote aus sicherer Distanz vom Wasser aus betrachteten. „Ein bisschen wie das Venedig von Indien, findest du nicht?“ Christiane sagte gar nichts. Sie schaute nur gequält auf das trüb-schmutzige Wasser neben von uns. Im Ganges treibt alles, was der Umwelt-Gott verboten hat: Styropor, Plastiksackerl, Essenreste, altes Metall, leere Chiliflaschen, Asche toter Opas (okay, die ist zumindest steril) und Berge von Plastikflip-Flip Flops.

Glaubst du, die Schuhe gehören den Wasserleichen?“, fragte Christiane. Nicht jeder Tote in Varanasi wird automatisch verbrannt. Kinder, schwangere Frauen und Sadhus (hinduistische Geistliche) werden mit einem schweren Stein um den Bauch im Fluss versenkt. Sie gelten als heilig, ihre Seelen müssen nicht erst durch das Feuer gereinigt werden. Auch Leprakranke und alle, die am Biss einer Kobra sterben, enden als Wasserleiche. Nicht, weil sie ebenfalls spirituell rein wären, aber man weiß sie offenbar nicht anders zu entsorgen. „Die Toten sind nackt oder in einen Stoff gewickelt“, gab ich zurück. „Die tragen keine Flip Flops mehr“. – „Woher willst du das wissen?“– „Hab ich gelesen.“ – „Und was passiert, wenn eine Wasserleiche auftaucht? Es sollen ständig Leichenteile wieder auftauchen.“ „Solche Überreste fressen dann die wilden Hunde, die Natur regelt das von selbst“, mischte sich unser Bootsführer in unsere Diskussion ein und zeigte hundert Meter weiter, ans andere Ufer, wo einsame Köter hungrig durch den Sand streiften. Dann hielt er das Boot an. „Da! Seht ihr? Vor uns ist der größte burning ghat. Ihr habt Glück, es kommt gerade eine frische Leiche.“

Zehn Meter vor uns hievten Männer eine Bambusbahre ans Wasser. Auf ihr: Ein Körper in gelbe und goldene Stoffe gehüllt. „Die Farbe des Stoffs verrät das Geschlecht und den Familienstand“, erklärte der Bootsführer. „Männer tragen weiß, Frauen gelb und gold. Unverheiratete Frauen werden in rot gehüllt.“ Dann tauchten die Männer die tote Frau kurz ins Wasser. „Das ist ein Ritual, um den Körper mit dem heiligen Ganga-Wasser zu reinigen.“ – „Brennt die Leiche dann überhaupt noch, wenn man sie nass macht?“, fragte ich. Der Bootsführer nickte und deutete mir, die Kamera wegzustecken. „Rund um die burning ghats herrscht aus Respekt gegenüber den Angehörigen absolutes Fotografierverbot “, wies er mich an. „Haltet euch daran. Es wurden schon Touristen von einem wütenden Mob verprügelt, weil sie Fotos gemacht haben.“

In diesem Moment schmiss Christiane die Nerven hin. „Bitte, ich will zurückfahren! Mir ist schlecht!“, flüsterte sie. Die tote Frau in den Tüchern, die vor drei Stunden noch gelebt hatte (länger dauert es nicht in Varanasi, bis es zum Verbrennen an den Fluß geht). Die Flip Flops im trüben Wasser. Leichenteile, die aus dem Nichts auftauchen können. Das alles war zu viel. Kaum hatte sie wieder festen Füßen unter den Boden, ging sie erstmal kotzen. Das ganze Mittagessen, in einem Schwall raus.  „Am Schlimmsten empfand ich die Wasserspritzer, die durch das Ruder auf meinem Arm landeten“, gestand sie später. „Die Brühe ist so verseucht, mir hat einfach gegraust.“ – „Ach, komm schon“, gab ich lachend zurück. „Das Wasser ist heilig, das reinigt sich selbst“. Das war nicht einfach so dahingesagt. Das glauben viele Hindus wirklich. Und so schräg es klingt, die Wissenschaft unterstützt die These zu einem gewissen Grad. Zwar stecken durch fehlende Kläranlagen 100.000 krankmachende Keime pro hundert Milliliter im Ganges-Wasser. Aber: Die Forscher haben auch Bakterien gefunden, die darauf hindeuten, dass der heilige Fluß schneller Gifte abbaut als andere Gewässer. Die 60.000 Pilger, die täglich ein rituelles Bad nehmen, schreiben das der göttlichen Kraft von Mutter Ganga zu. Und die Einheimischen schwören: Ganga passt auf sie auf – und hält Typhus, Cholera, Hepatitis und Durchfall im Zaum.

Am nächsten Tag wagten wir einen neuen Anlauf und näherten uns dem Freiluft-Krematorium zu Fuß. Drei Scheiterhaufen brannten bereits. Und was auffiel: Es roch nicht süßlich oder nach verbranntem Fleisch. Es roch eigentlich gar nicht. Es brannte nur.

„Kommt näher, schaut euch das Ganze an“, lockte uns ein alter Mann mit jungen Augen. „Burning is learning, cremation is reincarnation.“

Er stellte sich als Totengräber vor, seit 29 Jahren zeichnet er für die Verbrennung von Leichen verantwortlich.

 

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Gestatten, unser liebster Totengräber …

 

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… und sein Arbeitskollege. Die beiden Herren haben uns durchs burning ghat geführt. Damit wir durch den Tod was fürs Leben lernen.

 

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Mein Gesichtsausdruck spricht Bände. Mitunter hatte ich schwer zu schlucken. „Dieses Holz ist für die Menschen, die heute sterben werden?“ – „Ja. Der Tag ist noch jung. Pro Leiche braucht es 300 Kilo Holz.“

 

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Street Art in der Stadt des Todes. Feuer, Tod, Zerstörung – und neues Leben.

 

„Verärgern wir durch unsere Präsenz nicht die trauernden Angehörigen?“, fragte ich unsicher.

„Nein, alles gut. Nur keine Fotos. Ich sag euch schon, wenn etwas verboten ist oder nicht.“

Christiane war panisch. „Ich will nicht näher rangehen,“ sagte sie.

„Warum nicht?“, fragte der Totengräber erstaunt.

„Ich muss die Leichen nicht sehen. Sie machen mir Angst.“

Der alte Mann schaute sie mit großen Augen belustigt an.

„Aber auch du wirst sterben, meine Liebe“, sagte er. „Das ist alles ganz natürlich. The circle of life. Schau hin. Komm mit.“ Dann schubste er Christiane in Richtung Scheiterhaufen und zog sie hinter sich her. Sie hatte keine Chance. Und das war gut so.
Denn auch wenn der Burning Man und sein Arbeitskollege am Ende Geld für ihre Erklärungen erwarteten – in Varanasi macht keiner etwas umsonst, die Stadt ist voll von geschäftstüchtigen Kleinganoven, selbsternannten Astrologen/Wahrsagern und Händlern, die „Nein“ als Antwort nicht zu kennen scheinen – ihre Erklärungen waren jeden Rupee wert. Wir lernten, dass immer der erstgeborene Sohn – zu erkennen an den frisch abrasierten Haaren und der weißen Trauerkluft – für das Anzünden der Leiche zuständig ist. „Man macht es mit getrocknetem Gras, das an dreitausend Jahre altem Feuer entzündet wird.“ Frauen dürfen nicht zugegen sein, sie schauen von einem benachbarten Haus auf die Szenerie. Wir erfuhren, dass ein ausgewachsener Körper in gut drei Stunden von den Flammen vernichtet ist, nach einer halben Stunde knackt es laut, das ist die platzende Schädeldecke. „Nur weibliche Hüftknochen und männliche Brustkörbe sind hartnäckig und meist noch im Ganzen vorhanden,“ erklärte uns der Totengräber. „Wir werfen sie am Ende einfach so in den Ganges.“

Unser Toten-Guide zeigte auf Arbeiter, die am Flussufer die Asche der Toten durchsiebten.

„Sie gehören der untersten Kaste an und suchen in den Überresten nach Goldzähnen oder Schmuck.“ 

„Und das ist legal?“, fragte ich. „Da regt sich keiner der Verwandten auf?“

„Nein, warum auch?,“ sah mich der Totengräber belustigt an. „Ins Nirvana kann man nichts mitnehmen, sollen die armen Leute ruhig das Gold haben.“

„Warum riecht es hier eigentlich nicht nach verbranntem Fleisch?“, fragte ich.

Stolz flackerte in den Augen des Totengräbers auf. „Weil wir die Leichen gut präparieren. Sie werden entsprechend den Hindu-Begräbnis-Ritualen mit teuren Ölen, Sandelholz und Ghee, der ayurvedischen Butter, eingerieben. Dazu kommen Kräuter und Blumen. Jedes Öl hat einen Sinn, es soll die 7 Chakren öffnen und den Toten den Übergang ins nächste Leben erleichtern.“

„Kann man die Öle hier im Ghat kaufen?“, fragte Christiane. „Ich suche Jasminöl.“

„Natürlich! Du bekommst in diesem Ghat, alles, was du für das Begräbnis brauchst.“

 

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Devotionalien an jeder Ecke. Als Bestseller in Varanasi gilt – wenig überraschend – Shiva, der Gott der Zerstörung. Was erstmal fies klingt, ist eigentlich eine schöne Geschichte. Denn Shiva vernichtet den Körper, wenn dieser zu alt und zu schwach für den Geist wird und gibt den Geist so für ein neues Leben frei.

 

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Der junge Mann mit der frischen Glatze hat gerade einen Angehörigen verloren. Als Erstgeborener wird er (bis auf ein Schippel Haare am Hinterkopf) kahl geschoren, dann wird ihm die Aufgabe zuteil, den Scheiterhaufen anzünden. Weinen ist nicht erlaubt, Tränen verunreinigen angeblich die Seele und erschweren dem Toten den Übergang in ein neues Leben.

 

Und schon führte uns unser Totengräbers tiefer ins Viertel hinein. Wir passierten einen Friseur, der auf offener Straße einem Trauernden den Schädel rasierte. Wir hielten an Verkaufsständen, die Öle, Sandelholz, Blumengirlanden und Shiva-Figuren, den Gott der Zerstörung, feil boten. Mit „Attention, dead body coming“ trug man plötzlich eine in Stoffe gehüllte Leiche an uns vorbei. Gestorben wir 24 Stunden lang, verbrannt auch. Händler wogen auf antik anmutenden Waagen Baumstämme und Scheite ab. 300 Kilo Holz braucht es, um einen Körper vollständig zu verbrennen, Sandelholz ist den Reichen vorbehalten und brennt am besten. Auf den Straßen betteln Witwen um Geld für ihr Begräbnisholz. Die Leiterin eines Hospiz segnet gegen Geld Besucher und lässt es verarmten Sterbenden zukommen. Zumindest behauptet sie das. In Varanasi weiß man nie so genau, wer betrügt und wer ehrlich ist. Jeder versucht sein mageres Einkommen aufzubessern, man lebt von der Hand im Mund und vom Tagelöhnen. Unser Totengräber etwa verdient 5.500 Rupien pro Monat, das sind 74 Euro pro Monat. Nicht genug zum Leben, zum Sterben aber auch nicht. Das Holz für das eigene Begräbnis hat er noch lange nicht beisammen.

„Wie alt bist du?“, habe ich ihn gefragt.

„48“, antwortete er. Er sah aus wie 70, wenn nicht älter. Und ich fühlte mich plötzlich schlecht.

„Was passiert, wenn ich es nicht schaffe, tatsächlich in der heiligen Stadt zu sterben?“, fragte ich zum Abschied. „Habe ich dann meine Chance aufs Nirvana verspielt?“

„Nein“, lachte er. „Wir haben täglich Zeremonien hier, bei denen Verwandte mitgebrachte Asche in den Ganges streuen. Siehst du, da vorne, da findet gerade eine statt. Es reisen Leute aus aller Welt an, um ihre Toten Ganga zu übergeben. Du bist auch willkommen, wenn es soweit ist.“

 

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Diese Gruppe Angehöriger hat ihren Verstorbenen bereits in Ascheform nach Varanasi gebracht …

 

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… und mischt nun unter Gebets-Gesängen schwarze Aschehäufchen mit Reis, Sandelholz und verschiedenen Blumenpulvern, um den Körper dem Ganges zu übergeben.

 

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Jeden Morgen und jeden Abend wird in Varanasi Göttin Ganga in einer öffentlichen Zeremonie mit viel Brimborium und singenden Brahmanen gedankt. Die Pilger kaufen Blumenschälchen mit kleinen Kerzen für 10 Rupien, lassen sie ins Wasser und erhellen so den Fluss.

 

Ich nickte nur und der Totengräber wünschte mir ein langes, erfülltes Leben. Das macht man in Indien so. Statt eines schnell dahin gesagten „Auf Bald!“ ist mit diesem Abschiedsgruß klar, dass sich die Wege trennen und wahrscheinlich nicht mehr kreuzen werden. Danach machten Christiane und ich uns auf zum Seidenkauf. Varanasi hat preisgekrönte Seide zu einem Spottpreis. Sterben und Shoppen, alles liegt hier beieinander.

„Ich mag Varanasi irgendwie“, sagte ich, als wir wieder bei einem brennenden Holzhaufen, mitten auf einem Gehsteig am Flußufer, vorbeikamen und Ziegen unbehelligt von den Angehörigen die Trauerblumen frassen. „Die gehen ehrlicher mit dem Tod um als um wir.“

„Wie meinst du das?“, fragte Christiane.

„Keiner scheint sich zu wichtig nehmen wir. Weil jeder weiß: Es kann in der nächsten Sekunde vorbei sein und der nächste Scheiterhaufen ist für dich. Außerdem ist die Stadt eine Wundertüte. Man weiß nie, was als nächstes um die Ecke kommt.“

Und wie auf Kommando rannten wir in eine der vielen heiligen Kühe, die in Varanasi gemächlich durch die Basare spazieren. Und drei Meter weiter saß ein Sadhu, ein ausgezehrter Geistlicher mit orangem Lendenschurz, und beschwor eine Kobra aus ihrem Korb heraus.

 

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Parkplatznot? Wenn eine Kuh in Varanasi beschließt, sie braucht eine Pause, dann hilft nur: weiterfahren und nicht fluchen.

 

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Achtung, Ziege von rechts.

 

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Und noch eine Kuh. Der Schlachter kann ihnen nichts anhaben. Die meisten fallen irgendwann altersmüde um.

 

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Ein Sadhu ohne Kobra (beim Sadhu mit Kobra bin ich für die Kamera zu schnell gerannt, sorry).

„Ich finde es trotz allem nicht ehrlich“, grummelte Christiane. „Dieses ganze spirituelle Geredes von Erleuchtung und Erlösung, am Ende geht’s doch auch wieder nur ums Geld.

„Das tut es bei uns aber auch. Komm, lass und weiter shoppen gehen.“