LISSABON: EIN JAHR ÄLTER, KEINEN DEUT WEISER 

Vorweg: Ich habe verlängert. Eigentlich sollte heute meine Weltreise zu Ende gehen, der Flug von Lissabon nach Wien war fix gebucht. Aber beim Gedanken daran wurde mir schlecht, in der Magengrube fühlte sich das Ganze gar nicht gut an. Zum einen weil ich emotional noch nicht bereit bin fürs österreichische Sommerwetter und das, was man ein geregeltes Leben nennt (Jobsuche! Termin für die Thermen-Wartung ausmachen! Ein altes Konto schließen! Hilfe!). Zum anderen hat Lissabon einfach die besseren Argumente. Und die lauten: Sonne, Sangria, Sardinen und super lustige tinder-Dates. Außerdem betrug die Umbuchungsgebühr der Fluglinie nur 75 Euro. Die Eso-Braut in mir befand, das sei kosmische Fügung, sogar die beängstigend kluge Schwester gab mir Recht.

 

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Am Strand von Estoril. Sommer, Sonne und eine Burg, die nach Disneyland aussieht.

 

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Die coolsten Sardinendosen der Welt (und das ist nur ein Bruchteil der Retro-Designs, die es hier für den den Dosenfisch gibt).

 

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Sonnenuntergang in Estoril. Ich kann nicht nach Hause fahren. Noch nicht.

 

Und ja, ich weiß, eine Woche extra macht das Kraut jetzt auch nicht mehr fett. Aber die spontane Vogel-Strauß-Aktion fühlt sich gut an. Außerdem brauche ich diese zusätzliche Zeit, denn in den zwei Wochen, die ich nun bereits in Lissabon bin, gingen ein paar Tage für die Stadterkundung, „verloren“.

Als erstes war da mein Geburtstag. Eigentlich lautete der Plan: Ich und eine Flasche gut gekühlter Rosé feiern auf der Terrasse meiner Wohnung ins neue Lebensjahr rein. Ich wollte in aller Ruhe darüber Nachdenken, was ist, was war und was sein soll. Dass es immer Anfang August Sternschnuppen regnet und in Lissabon seit Wochen keine Wolke am Himmel ist, passte gut ins Bild. Ich hatte eine ganze Liste an Wünschen, die das Universum das nächste Jahr auf Trab halten sollte … Aber wie das im Leben so ist. Es kam was dazwischen. In meinem Fall war’s tinder. Ich habe die Dating-App seit fünf Monaten, sprich seit Rio de Janeiro, nicht mehr angeworfen. Hier in Lissabon jedoch wurde mir die Sache wieder Recht. Denn der Portugiese scheint nur im Rudel zu essen. Die Restaurants und Straßencafés sind proppenvoll mit wild gestikulierenden Gruppenansammlungen von Menschen. Mein Versuch, abends alleine einen Tisch zu bekommen, glich einem Spießrutenlauf.

„Para uma pessoa?“, fragte der Wirt dreimal nach.

„Yes, table for one,“  firmierte ich.

Der Wirt sah nach links. Er sah nach rechts. Seine Stirn runzelte sich, die Sache behagte ihm nicht. Sollte er wirklich einen Tisch für eine Person hergeben, zumal er in der Zeit, die ich da rumsitzen würde, locker das Doppelte einnehmen konnte? Am Ende landete ich auf einem engen Plätzchen neben der Toilette. Spätestens da wusste ich: tinder und ich feiern ein Comeback.

Filipe, 46 Jahre alt, fast zwei Meter groß, dunkle Locken und noch alle Zähne im Mund, machte schließlich das Foto-Rennen. Er war höflich, sagte kluge Sätze und schlug einen Drink auf einer Hipster-Dachterrassenbar im Ausgehviertel Bairro Alto vor.

„Ja, lass uns das irgendwann mal was Trinken gehen“, schrieb ich zurück.

„Irgendwann? Das klingt nicht begeistert“, kam es es halb-beleidigt zurück.

„Ich kann heute nicht.“

„Bist im Dating-Stress?“ 

„Unsinn. Ich habe bloß ab Mitternacht Geburtstag und ich fände es komisch, mit einem völlig Fremden zu feiern.“

 

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Happy birthday to me. Da waren die Welt und mein Schädel noch in Ordnung. 🙂

Filipe hatte ein Einsehen – und offerierte einen Gegenvorschlag: Wir könnten uns doch schon am frühen Abend treffen und ich sollte einfach vor Mitternacht abrauschen, um an meinem Ehrentag wie geplant allein zu. Es war ein Deal, der irgendwie Sinn machte. Was ich jedoch nicht bedacht hatte, war der portugiesische Wein. Der kommt nie glasweise, sondern immer gleich als Flasche daher – und das zu einem Spottpreis. Rund 12 Euro kostet eine perfekt genießbare Bouteille im Lokal, Sangria im 1-Liter-Krug gibt es sogar ab 5 Euro. Ich bin keine Vieltrinkerin, war ich nie. Mit 17 Jahren habe ich mich einmal in der Dorfdisco mit Icebreaker versoffen, beim Gedanken an das picksüße Zeug und das Erbrochene im Haar wird mir heute noch schlecht. Bier krieg ich gar nicht runter, meiner Familie bin ich deshalb seit jeher suspekt, sie zweifelt manchmal an meinem oberösterreichischen Erbgut. Wenn ich trinke, dann Klisché-Prosecco oder Wein. Aber auch hier bin ich aus der Übung. Denn in den vergangenen vier Monaten lebte ich zwangsweise trocken. In Asien und Indien hat man’s nicht so mit Wein.

Während Filipe das zweite Glas Wein einschenkte, dachte ich, ich halluziniere und könne die Golden Gate Bridge sehen.

„Nein, das ist die Brücke des 25. April“, kam es zurück. „Aber es gibt durchaus Ähnlichkeiten.“

Beim dritten Glas dachte ich, ich sähe Jesus am anderen Ufer des Tejo Flusses. Mit ausgebreiteten Armen stand er in der Ferne und starrte mich an.

„Der sieht exakt aus wie Cristo Redentor, die Jesusstatue in Rio de Janeiro,“ kniff ich die Augen zusammen, um den Heiland besser ins Visier nehmen zu können.

„Der da drüben heißt aber Cristo Rei,“, klärte mich mein unfreiwilliger Reiseführer auf. „Man sagt, Lissabons Jesus ist vom Rio-Jesus inspiriert.“

„Also bin ich nicht betrunken? Da steht wirklich eine Jesus-Statue rum?“, fragte ich.

 

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Der Rio de Janeiro Jesus und die Golden Gate Bridge. In Lissabon heißt das Ganze: „Cristo Rei und die Brücke des 25. April.“

 

Filipe nickte und schenkte geduldig weiter ein.

Eine halbe Stunde vor Mitternacht lotste er mich zum Ausgang und sagte: „Zeit, nach Hause zu gehen, Cinderella. Dein Geburtstag und der Sternenhimmel warten.“

Zu diesem Zeitpunkt nippte ich an Glas Nummer 5 und war überzeugt, dass die Geschichte von Cinderella erstunken und erlogen war.

„Die ist sicher nicht um Mitternacht nach Hause gehuscht“, tönte ich.

„Ah ja?“, fragte Filipe, auch nicht mehr ganz textsicher.

„Wetten, die Gute hat bis 5 Uhr früh gefeiert und die Nächte durchgetanzt? Aber das hat halt niemand ins Märchen geschrieben, das Zeug lesen ja Kinder! Würde man die wahre Geschichte erzählen, bekäme man die Kleinen nie mehr zu einer humanen Zeit ins Bett. Die Geschichte von Aschenbrödel wurde zensiert, so schaut’s aus, ha!“

„Und was heißt das jetzt?“, fragte Filipe.

„Du zeigst mir jetzt noch ein paar andere Bars. In ein paar Minuten bin ich offiziell alt. Also? Was muss ich sehen?“

Aufgewacht bin ich mit zerknautschtem 100-jährigen Gesicht – und einem brummenden Schädel, der sich nichts sehnlicher als einen in Chloroform getränkten Wattebausch wünschte. Den ersten Tag als 38-Jährige verbrachte ich leidend auf der Couch, mit Schinken-Käse-Brot und literweise Brandlösch-Wasser. Zu mehr als Glückwunschnachrichten beantworten und mit Freunden telefonieren schien ich nicht wirklich fähig. Auch am nächsten Tag war mir noch flau, die geführte Sightseeing Tour brach ich nach einer Stunde ab. „Ich trinke nie mehr wieder“, habe ich mir an diesem Punkt geschworen. Mittlerweile habe ich das Bekenntnis abgeändert in „Ich trinke nie mehr wieder so viel“. In Portugal ist man mit Abstinenzbekundungen auf verlorenem Posten, vor allem wenn man sich wie ich gerade in einer emotionalen Ausnahmesituation befindet und sich nicht wirklich damit abfinden will, dass eine aufregende Zeit langsam zu Ende geht.

Zwei Tage habe ich also durch meine Geburtstagsfeierlichkeiten in den Sand gesetzt. Drei weitere gingen dank der Klimaanlage drauf. Ich friere schnell, ich schalte nie die Air Condition ein. Aber in Lissabon habe ich in ein Apartment im Dachgeschoss angemietet. Da steht nachts die Luft, es wird stickig und das 48-Stunden-Deo hält nicht einmal ein Drittel der versprochenen Zeit. Die Rechnung für die nächtliche Brise kam am nächsten Morgen. Meine Mandeln leuchteten feuerrot, die Lymphknoten am Hals schwollen auf die Größe von Tischtennisbällen an. Sogar der Apotheker ums Eck zeigte sich davon beeindruckt. Doktor Google diagnostizierte eine Seitenstrang-Angina. Der Apotheker sah die Sache ähnlich.

„Sie brauchen Entzündungshemmer, was zum Gurgeln und wenn es nicht besser wird Antibiotika,“ meinte er.

Es wurde nicht besser. Meine 1,2 Kilo Reiseapotheke, eine Tupperware-Dose, die von Malaria Prophylaxe bis hin zu Schmerztabletten so alles enthält, womit ich eine Klinik unter Palmen eröffnen könnte, gab schließlich ein Antibiotikum her. Dass ich beim Herumkramen in den Pillen kurz panisch wurde und dachte, es sei vielleicht ein verspäteter Ausbruch von Zika („Ich war doch im März in Rio!“), ein schlimmer Schub Malaria („Die Moskitos in Thailand! Ich hätte mehr Gelsenspray verwenden sollen, der Tropenmediziner hat’s mir ja gesagt“) oder Mandelkrebs sei nur am Rande erwähnt. Manchmal fehlt einem die Ansprache beim Alleinreisen dann doch.

Mittlerweile ist aber wieder alles gut. Meine Lymphknoten haben sich beruhigt und meine Hypochondrie auch. Ich stehe wieder im Leben. Und ich hätte mit Lissabon keine bessere Wahl treffen können.

 

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Tramway mit Graffiti. Bei der starken Steigung der Gassen wird einem das Warten auf das Gefährt durchaus Recht.

 

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Ich würde bitte gerne in diesem Haus wohnen. Die blauen Fliesen passen perfekt zu meinem Teint.

 

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Das nehme ich aber auch 🙂

 

Es gibt Städte, in denen kommt man an und man weiß, man mag sie. Lissabon war so eine, von der ersten Minute an. Die gefliesten Hausfassaden. Die süßen kleinen Balkone und engen Gassen. Der Tejo-Fluss, an dessen Ufer die Einheimischen in der Sonne liegen. Die Pflastersteine, die sich konsequent durch die ganze Stadt ziehen und teilweise schon so spiegelglatt abgetreten sind, dass man alle paar Meter fast ausrutscht (keine Ahnung, wie das die alten Leute hier machen, ich fürchte, Oberschenkelhalsbrüche führen die Liste der Standard-Verletzungen hier an). Ich finde sogar das schweißtreibende bergauf-bergauf toll, es erspart mir das das Fitnesstraining. Dazu kommt: Lissabon ist, trotz Hochsaison, eine der leistbareren Städte Europas. Den 5-Euro-Sangria habe ich bereits erwähnt. Köstlichen frischen und gegrillten Fisch gibt’s ebenfalls um einen Spottpreis. Außerdem regen die Keramikarbeiten hier meinen Nestbautrieb an. Ich habe bereits das wunderschönste Geschirr der Welt gekauft und Angst vor mir selber. Wie viel Keramikzeug kann man in 7 Tagen noch kaufen? An jeder Ecke laufe ich in schöne Schälchen oder Fischteller. Bei Stoffservietten, meinem geheimen Fetisch, habe ich noch gar nicht zu schauen angefangen.

 

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Diese Kirche hat das Erdbeben von 1755 nur halb zerstört. Die Ruinen der Igreja do Carlo ergeben heute ein schönes Freilichtmuseum.

 

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Überall in der Stadt gibt es Aussichtspunkte. Ich könnte an jedem stundenlang verharren.

 

„Wie heißt die Kirche, die du auf Facebook gezeigt hast?“, hat mich eine Freundin neulich gefragt. Ich musste kleinlaut zugeben: „Ich habe keine Ahnung“. Ich spaziere durch die Stadt, bin sogar mit dem Doppeldecker-Touristenbus eine Runde gefahren, um alle Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Aber es bleibt außer malerisch schönen Eindrücken nichts hängen. Jegliche historische Begebenheiten, die man mir erzählt, jeden Namen vergesse ich in der Sekunde wieder. Nur dass es 1755 ein massives Erdbeben hier gab, konnte ich mir merken. Ich weiß nicht, woran es liegt. Teils ist es sicher die Sprache, Portugiesisch kriege ich nicht in meine Gehirnwindungen rein, ich hab schon in Rio damit gekämpft. Vielleicht bin ich aber auch einfach nicht mehr aufnahmefähig. Sightseeing-Overload. An solchen Tagen, wenn ich nicht mal mehr den Namen einer Straße für drei Sekunden behalten kann, fahre ich mit dem Zug an den Strand. Und da liege ich dann rum, gebe meinem Hirn eine Pause und arbeite an der Lederhaut.

Eine Woche noch. In einer Woche kann viel oder wenig passieren. Mir ist beides Recht. Ich bin bereit.

 

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