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The World is enough

BONIFAZ

Ha! Endlich eine Rubrik, die sich nicht um mich dreht (oder zumindest nur halb). An dieser Stelle: Entwarnung an alle, die bereits die Befürchtung hegen, mein Blog wäre eine einzige psychologische Nabelschau, die sich in esoterischem Selbstfindungs-Geschwafel verliert. Ich gelobe, die Psycho-Tussi wird weniger werden je länger ich unterwegs bin. Denn eine Reise ist nur so gut und spannend wie die Menschen, die man trifft. In diesem Sinne: Los geht’s!

BONIFAZ

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Sie nennen ihn Boni. Bonifaz ist der christliche Name, den ihm die Täufer in Arusha, einer Grenzstadt zu Kenia, gegeben haben. Doch im tansanischen Busch, da wo Boni aufgewachsen ist und jeden Stein und jedes Erdhörnchen-Loch kennt, heißt er Stoni. Das ist sein Massai Name. Und Boni/Stoni ist ein stolzer Massai. Mehr noch: Er ist ein verdammt schöner Massai. Einer, bei dessen Anblick jeder Model-Booker erstmal in Schnappatmung verfallen würde, um dann hysterisch zu kreischen: „Oh! My! God! He is amazing!“ Das stolze Kinn. Das symmetrische Profil. Die mandelförmigen Augen. Das weißblitzende Lachen. Schwamm drüber, dass im Unterkiefer genau in der Mitte zwei Zähne fehlen. Boni findet, das hat auch Vorteile. Beim Zähneputzen kann er die Bürste gut durch die Lücke stecken und auch die hinteren Zähne gut erreichen. Und ohne dass es mir bewusst war hatte damit die erste von vielen Lektionen begonnen, die Boni mir an diesem Tag erteilen würde. „Weißt du, meine Zahnbürste wächst auf einem Strauch“.

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Die Zahnbürste aus dem Busch. Täglich frisch. Und ja, das Ganze funktioniert. Bonis Zähne sind die beste Werbung.

Den Namen des Gewächses hab ich vergessen. Grün war‘s, kleinblättrig und hüfthoch. Boni hat davon erstmal einen dünnen Ast abgeschnitten. Das eine Ende schnitze er spitz zu, vom anderen schälte er drei Zentimeter Rinde ab. „Du musst am stumpfen Ende fest herumkauen“, wies er mich an, während ich wie ein altersschwacher Hamster an dem holzigen Teil nagte und mich schon mit abgebrochenen Beißern durch die Welt reisen sah. „Fester! Das Ende muss durch das Kauen richtig schön ausfransen, wie ein kleiner Besen, und daraus kommt dann ein grüner Saft, der die Zähne weiß macht.“- „Und mit der spitzen Seite, was mach ich damit?“ -„Damit holst du das Ziegenfleisch aus deinen Zähnen.“ Ah ja.

Diese zwei kleinen Worte hab ich an diesem Tag des öfteren gemurmelt. Denn schnell war klar: Ich kann Boni vielleicht drei, vier neue Englisch-Vokabeln beibringen oder ihm zeigen, was so ein iPhone-Fotofilter alles kann, aber das was er mir beibringt, wiegt tausend Mal mehr. Weil’s Dinge sind, die einen – wenn der eigene Akku und der des iPhones leer sind – in der Wildnis nicht verrecken lassen.

So ein Kaktus etwa ist eine höchst praktische Sache. Zum Hausbau. Oder notfalls auch zur Elefantenabwehr. Schlägt man mit einem Stein die Haut der Pflanze auf, beginnt binnen Sekunden ein weißer, dickflüssiger Saft aus ihr zu fließen. „Der ist hochgiftig und brennt die Haut weg, auch dicke Elefantenhaut. Als Kind hat mich im Busch einmal ein Elefant gejagt. Am Ende konnte ich mich hinter einen Kaktus retten. Das Viech hat sich tatsächlich nicht mehr näher getraut.“ Auch Termiten stehen mit dem Gift auf Kriegsfuß, weshalb der Kaktus in getrockneter Form zum Hüttenbau verwendet wird. „Der Hausbau ist bei den Massai übrigens Frauensache.“ – „Warum, Boni?“ –„Weil Frauen schließlich auch die meiste Zeit im Haus verbringen. Also ist es ihre Arbeit.“ Ah ja.

So ging es den ganzen Tag. Boni zeigte mir eine Akazie, die – mit einem spitzen Stachel angepieckt – ein wundheilendes Harz absondert. (Mein lädierter Finger dankt’s). Er latschte in perlenbesetzten Flipflops durch Geröll und Gestrüpp, ohne sich auch nur einen Kratzer zuziehen. „Wir Massai reiben uns mit Pflanzensäften ein, die die Haut pflegen und schützen.“ Er band Gräser um das Hinterbein einer frisch geschlachteten Ziege. „Das hält die Fliegen vom Fleisch ab, bis wir zu Hause sind.“ Und er beantwortete geduldig alle Fragen zur Beschneidung von Mann und Frau. „Du darfst als Mann nicht mit der Wimper zucken, sonst bist du kein Krieger und eine Schande für deine Familie und dein Dorf. Ich hab vor meiner Beschneidung viele Pflanzenmixturen getrunken, sie haben mich stärker werden lassen.“ – „Und die Frauen, die werden doch auch beschnitten. Findest du das gut?“ Da war Boni, der starke Krieger, der auf alles Antworten wusste, plötzlich ein bisschen ratlos. „Es ist Tradition. Die jüngeren Massai versuchen den älteren zu erklären, dass die weibliche Beschneidung nicht gut ist, wenn eine Frau viele Kinder haben soll. Aber da was zu ändern, das dauert.“ Und dann, nach dem Speerwerfen (bei dem ich kläglichst versagt habe) kam er doch noch, der Moment, in dem Boni einen Ah ja-Effekt hatte. Und ich ihm etwas erklären konnte, dass für ihn unerklärlich war. „Weißt du, wenn ein Mann mich schlagen, würde ich zurückschlagen.“  Really?! Really.

Dann lachte er wieder dieses blitzweiße Lücken-Lächeln. Und meinte: „Ich bin wirklich gern Massai.“

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